„Mich reizte nie die Karriereleiter, sondern die Gestaltungsfreiheit“

Wenn Bettina Roth über ihre Zeit als Berufsanfängerin vor gut 25 Jahren spricht, klingt es fast wie aus einer anderen Welt. „Als Baby-Boomer war man froh, dass man einen Job hatte. Wir haben uns damals kaum getraut, beim Vorstellungsgespräch nach der Arbeitszeit oder nach der Anzahl der Urlaubstage zu fragen“, erzählt die 49-Jährige. Heute seien Berufsanfänger klarer, fordernder und äußerten mit einer großen Selbstverständlichkeit ihre Erwartungen zu Arbeitsklima, Unternehmenskultur und Work-Life-Balance. „Als ich mit Anfang 20 ins Berufsleben gestartet bin, habe ich mich bei den Firmen beworben und musste für mich Marketing betreiben. Heute ist es andersherum: Die Firmen müssen sich anstrengen, um Uni-Absolventen für sich zu interessieren.“

Mitarbeiter dürfen ihre Chefs kritisieren

Modernes Umfeld für modernes Arbeiten. © VAUDE

Bettina Roth © VAUDE

Die gebürtige Waiblingerin ist chemisch-technische Assistentin, hat sich zur Qualitätsmanagerin und Auditorin DGQ weitergebildet und arbeitet seit 2011 für den schwäbischen Outdoor-Ausrüster VAUDE in Tettnang-Obereisenbach, wo sie das Qualitäts- und Chemikalienmanagement leitet. Ihr gefallen bei VAUDE die klar formulierte Nachhaltigkeitsstrategie, die Vertrauenskultur, die flache Hierarchie auf Augenhöhe, die Aufbauarbeit und der Freiraum. „Mich reizte nie die Karriereleiter, sondern die Gestaltungsfreiheit. Und ich wollte wissen, ob es funktioniert, in einem kreativen Umfeld wie bei VAUDE Strukturen zu etablieren, die ich aus der Automobil- und Halbleiterindustrie kannte.“ Dort sei es sehr konservativ und hierarchisch zugegangen. Es hat etwa ein Jahr gedauert, bis sie sich an die innovative, offene Feedbackkultur von VAUDE gewöhnt hatte. „Direktive, autoritäre Ansagen sind hier fehl am Platz. Jeder Mitarbeiter darf seine Meinung sagen und auch eine Führungskraft kritisieren, wenn es ein Störgefühl gibt. Das ist für einen Vorgesetzten nicht immer angenehm.“ Man müsse überzeugen, motivieren, sich auf jeden Mitarbeiter individuell einstellen, herausfinden, was seine jeweiligen Stärken und Schwächen sind. Einmal im Jahr ein Mitarbeitergespräch zu führen sei nicht mehr ausreichend. Man müsse in ständiger Kommunikation bleiben. „Diese Art zu führen ist manchmal eine Herausforderung, bietet aber auch viele Chancen.“

Neues Selbstbewusstsein

Die Generation Y hat ein anderes Selbstbewusstsein als die Generationen zuvor. „Diese Leute bringen heute schon einen unglaublichen Erfahrungsschatz mit durch Praktika und Auslandsaufenthalte. Das sind keine Leute, die mit Anfang 20 noch grün hinter den Ohren sind. Die haben schon etwas mitgemacht und erlebt, und haben daher berechtigte Ansprüche und klare Vorstellungen, was sie wollen.“

Geschäftsführerin Antje von Dewitz © VAUDE

VAUDE tut sehr viel dafür, um die Mitarbeiter glücklich zu machen. Das hat sich herumgesprochen. „Wir erhalten extrem viele Initiativbewerbungen“, bestätigt auch Geschäftsführerin Antje von Dewitz. „Aus denen geht hervor, dass wir ganz stark die Generation Y ansprechen, die attraktiv findet, was wir zu bieten haben.“

Mitarbeiter soll seine Werte nicht an der Garderobe abgeben

Von Dewitz hat vor zehn Jahren das Unternehmen von ihrem Vater übernommen mit der Mission, sich für eine lebenswertere Welt zu engagieren. „Wir wollen ein Gleichgewicht zwischen Mensch, Natur und Profit schaffen.“ Dieser Ansatz entspreche stark dem Denken der jungen Generation: ihrem Wunsch nach Sinnhaftigkeit, Transparenz, Fairness und gutem Wirtschaften. Dabei spielt ein glücklicher Mitarbeiter eine Schlüsselrolle. Von Dewitz möchte, dass der ganze Mitarbeiter voll und ganz da ist. „Er soll nicht sich und seine Werte an der Garderobe abgeben, wenn er zur Arbeit kommt. Wir brauchen seine ganz Energie und ich möchten, dass er im Energiefluss steht“, betont die 46-Jährige. Deshalb nimmt VAUDE das Privatleben und die Zufriedenheit der Mitarbeiter sehr ernst und bietet ihnen Vereinbarkeit von Beruf und Familie, einen Betriebskindergarten, flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und ein Gesundheitsprogramm, Vertrauenskultur, Vertrauensarbeitszeit, viel Eigenverantwortung, sehr viel Freiheit, eine Bio-Kantine, eine Kletterwand und vieles mehr.

Das Leben am Bodensee ist fast so teuer wie in München

Mitarbeiter_innen von VAUDE treffen sich nach der Arbeit zum Wandern. © VAUDE

Trotz vorbildlicher Unternehmensphilosophie und schöner Natur hat es auch VAUDE nicht immer einfach, Fachkräfte nach Tettnang-Obereisenbach zu locken: „Wenn jemand von Berlin oder Hamburg nach Obereisenbach zieht, hat er erstmal einen Kulturschock“, sagt Bettina Roth. „Man muss es mögen. Aber wir ziehen ja eine spezielle Klientel an: Leute mit hoher Outdoor- und Nachhaltigkeitsaffinität, die sich gerne in der Natur aufhalten. Wenn die Leute erst einmal da sind, dann genießen sie es, dass sie in einer Stunde in den Bergen sein können.“ Ein großes Problem ist allerdings der knappe und sehr hochpreisige Wohnraum in der Region. „Das Leben am Bodensee ist fast so teuer wie in München“, ergänzt Antje von Dewitz. Ihr Familienbetrieb sei umgeben von Vollbeschäftigung und Großunternehmen am Bodensee, die ebenfalls um Fachkräfte ringen und sehr gute Gehälter bezahlen. „Das ist für uns als mitteständisches Familienunternehmen eine Herausforderung.“

Digitalisierung als Chance zur Fachkräftegewinnung

Eine große Chance für die Zukunft sieht Bettina Roth in der Digitalisierung und im mobilen Arbeiten. Schon jetzt arbeitet sie regelmäßig im Home-Office und nimmt an Besprechungen auch mal per Skype teil. „Wenn wir künftig einen Top-Designer suchen, der aus einer Großstadt nicht nach Oberschwaben umziehen möchte, dann könnte man das auch mit allen digitalen Möglichkeiten regeln, die es ja schon gibt.“ Die Herausforderung der virtuellen Zusammenarbeit werde sein, den Zusammenhalt der VAUDE-Belegschaft, die Loyalität zum Arbeitgeber und den besonderen Spirit zu erhalten.

Eine Aufgabe, auf die Antje von Dewitz mit ihrem Unternehmen vorbereitet ist. All diese Anstrengungen um eine gute Balance der 500 Mitarbeiter – 45 Prozent davon in Teilzeit – sei ein hoher Organisationsaufwand für einen Arbeitgeber, ein anstrengender Weg und eine Gratwanderung, sagt sie. „Man könnte bei jedem Schritt sagen: geht nicht. Aber mit ganz viel Kreativität, Motivation und Eigenverantwortung finden wir Lösungen. Wir haben auch Konflikte – aber die werden ausgetragen. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz übernehmen mehr Mitarbeiter Verantwortung, als noch vor zehn Jahren. Und das macht uns zukunfts- und veränderungsfähig.