“Why not? – Geht nicht, gibt’s nicht”

Auf ebenem Untergrund zu laufen ist nichts für Annabel Müller – weder beim Sport noch im Beruf. Sie sucht die Herausforderung. Einem „Geht nicht“ entgegnet sie mit der Frage “Warum?“ – und probiert es dann erst recht. Bei ihren Langstreckenläufen über Stock und Stein lernt die Ultratrail-Läuferin, wie sie Grenzen überwindet, ihre Kraft einteilt und Entscheidungen trifft. Diese Erfahrungen teilt sie als Coach und Rednerin mit Unternehmen – vom Chef bis zum Mitarbeiter. „Erfolg durch Entscheidungskompetenz – Was das Business vom Berg lernen kann“ heißt ihr Vortrag bei Mission M 2018.

Die Frage, welcher Generation sie angehört, stimmt Annabel Müller nachdenklich: „Eigentlich passt die Definition der Generation Golf, beziehungsweise Generation X, überhaupt nicht zu mir. Zwar bin ich 1978 geborgen und zähle somit formal noch dazu, aber ich bin eher qualitäts- als markenorientiert. Außerdem ist Arbeit für mich kein Mittel zum Zweck; mein Job soll einen Sinn haben.“ Inhaltlich zählt Annabel Müller mit dieser Einstellung eindeutig zur Generation Y (Why) und nicht zur Generation X. Aber auch in dieser Gruppe sieht sie sich nicht und kreiert kurzerhand einen neuen Begriff: Die Generation „Why not?“

Kurswechsel – von der Automobilbranche zur Physiotherapie

Den Trainingsraum von Annabel Müller zieren bereits unzählige Lauf-Medaillen (Foto: Ruess Public B GmbH).

„Why not?“ entspricht ganz Annabel Müllers Lebensmotto. Denn geht nicht, gibt es bei ihr nicht. Das zeigt ihr bewegter beruflicher Werdegang: Vom Psychologiestudium wechselte sie über die Ausbildung zur Hotelfachfrau in den Vertrieb eines mittelständischen Automobilhändlers und übernahm dort schließlich die Regionalleitung. Doch trotz des Erfolgs fehlte ihr der Sinn bei der Arbeit. „Ich wollte Menschen helfen“, sagt sie. Zu dieser Zeit hatte Annabel Müller bereits mit dem Trailrunning begonnen. „Das Laufen war für mich der Ausgleich zum Rauchen, mit dem ich aufgehört hatte. Weil ich damals in einer Gegend gewohnt habe, wo man bereits nach wenigen Schritten inmitten von Weinbergen stand, lief ich automatisch auf unbefestigten Wegen. Den Begriff Trailrunning habe ich aber erst später kennengelernt.“

Als sie mit Knieschmerzen zum Physiotherapeuten ging, fürchtete sie das Ende ihrer Laufleidenschaft. Doch statt eines lebenslangen Sportverbots überraschte der Therapeut sie mit Übungen zur Stabilisation des Knies. „So musste ich nicht mein Leben an meinen Körper anpassen, sondern konnte meinen Körper für das Leben, das ich wollte, trainieren. Dieser Ansatz hat mich so sehr überzeugt, dass ich selbst eine Ausbildung zur Physiotherapeutin begann. In dem Beruf sah ich endlich die Chance, anderen Menschen helfen zu können“, berichtet Annabel Müller. Beim Ausbildungsstart war sie bereits 33 Jahre alt und die Bedenken ihres Umfeldes waren groß. Aber sie ließ sich nicht in ihrer Entscheidung beirren.

Im anschließenden Berufsalltag störte die Physiotherapeutin jedoch die starre Bürokratie. Die machte es ihr oft unmöglich, so zu helfen, wie sie wollte. Annabel Müller begann deshalb Ergonomieschulungen direkt in Unternehmen zu geben und gleichzeitig als Rednerin zu arbeiten. „Weil ich oft auf das Thema Ultratrailrunning angesprochen wurde, entschied ich, mein Hobby aktiv in den Beruf einzubinden und mich als Rednerin und Coach auf diesen Themenbereich zu fokussieren.“

 

Annabel Müller in Aktion: Der Ultratrail führt über Stock und Stein (Foto: Canofotosports).

Beruf und Hobby verschmelzen  

Noch während der Ausbildung zur Physiotherapeutin lief Annabel Müller 2013 ihren ersten Ultratrail: den Zugspitz Ultratrail. Eine Distanz von 101,9 Kilometern über 5.480 Höhenmeter. Trailrunning ist eine Art des Langstreckenlaufs abseits befestigter Wege. Im Volksmund zählt ein Lauf als Ultratrail, sobald er über die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometer hinausgeht. Die offizielle Wettkampfklassifizierung der International Trailrunning Association, kurz ITRA, hingegen ist seit diesem Jahr zur Einordnung von Trails in sieben Kategorien übergegangen, wobei auch die Höhenmeter berücksichtigt werden. Die Strecken beginnen bei unter 24 Kilometer, Kategorie XXS und reichen über 200 Kilometer hinaus, Kategorie XXL. „Die längste Distanz, die ich schon am Stück gelaufen bin waren die 201 Kilometer und 11.400 Höhenmeter im Rahmen des Swiss Irontrail (T201) 2015.“ Annabel Müller ist damit eine von 23 Frauen, die den Lauf seit 2013 geschafft haben. Bei der Frage, ob das Ultratrailrunning für sie der Ausgleich zum Berufsalltag sei, lacht sie: „Nein, Ultratrails sind harte Arbeit. Es bedarf disziplinierter Vorbereitung. Für mich ist ein Wellness-Wochenende nach einem Ultralauf die Erholung.“

Annabel Müller meidet bewusst den Begriff Work-Life-Balance. Ihrer Ansicht nach impliziert er eine Trennung zwischen Arbeit und Leben, stellt den Job als etwas Unangenehmes dar. Ihr aber macht der Beruf viel Spaß und die Grenze zwischen Arbeit und Leben gestaltet sie fließend.

Den Leitfaden in ihrem Leben bildet das Ultratrailrunning. Annabel Müller lernt dabei viel für sich persönlich, aber auch für ihre berufliche Selbstständigkeit als Coach und Rednerin. „Viele Situationen beim Ultratrail sind auf die Arbeit übertragbar und das erkläre ich in meinen Vorträgen.“ Wie zum Beispiel das Treffen von Entscheidungen: „Beim Ultratrail musst du dich andauernd entscheiden. Hilfreich hierbei ist die eigene Intuition, aber nicht immer sollte man sich auf sie verlassen. Manchmal kann das gefährlich sein.“

Zugleich lehrt der Berg, eine Entscheidung durchzuziehen: „Ein Ultratrail-Lauf kann nicht überall abgebrochen werden, es gibt vorgeschriebene Ausstiegsstationen. Wenn ich mich also fürs Weiterlaufen entscheide, muss ich das auch bis zum nächsten Ausstiegspunkt durchziehen. So lernt man, seine Reserven einzuteilen und sich zu Höchstleistungen zu motivieren.“


2015 bezwingt Annabel Müller erfolgreich die Königsdistanz des Swiss Irontrail – eines der längsten und härtesten Ein-Etappen-Rennen Europas. 201 km und 11.400 hm zu Fuß, ohne Schlaf, bei Temperaturen von + 30° bis – 8° Celsius, mit minimalster Verpflegung. Ein Jahr später verwirklicht sie mit dem Zieleinlauf beim legendären Ultra Trail du Mont-Blanc einen großen Läufertraum. 2017 wurde sie Gesamt-Dritte beim Hochkönigman auf der Hauptdistanz. Dabei geht es ihr gar nicht darum, die weltbeste Ultratrailläuferin zu werden. Mit Ihren Erfahrungen aus Regionalleitung, Firmengründung und Markenaufbau, weiß die heutige Physiotherapeutin, dass die Herausforderungen im Management und beim Extremsport viele spannende und erkenntnisreiche Parallelen aufweisen.