“Ich will nicht den Chef spielen, sondern Vorbild sein.”

Christopher Essert gründete 2009 mit gerade mal 21 Jahren sein Unternehmen im badischen Ubstadt-Weiher. In den letzten Jahren erfährt seine Firma der industriellen Automatisierung ein rasantes Wachstum. In kurzer Zeit vervierfachte sich die Zahl seiner Beschäftigten, dessen Altersdurchschnitt bei exakt 30 Jahren liegt. Die Digital Natives wollen den Betrieb mitgestalten, wollen flexibel und selbständig arbeiten. Sie wollen keinen Chef haben, sondern jemanden, der sie coacht. Das erfordert von Essert eine neue Unternehmenskultur, die auch dem Wunsch nach mehr Work-Life-Balance entspricht. Mit Benefits lockt er Fachkräfte und bindet sie nachhaltig ans Unternehmen.

Firmengründer Christopher Essert neben einem Roboter, der Einzelteile einer Playmobilfigur zusammenbaut.

Christopher Essert würde mit seinen athletischen 1,93 Metern ein hervorragender Basketballspieler abgeben. Viel lieber spielt er jedoch Beachvolley, geht Skifahren oder schlägt seine Mitarbeiter in einer Partie Tischkicker. Nicht nur privat treibt der gebürtige Ubstädter viel Sport, auch sein Unternehmen vergleicht er gern mit den Olympischen Spielen. „Man muss die Messlatte immer höher legen, sobald etwas geschafft ist“, sagt er und versucht auch seine mittlerweile 80 Mitarbeiter mit seinem innerlichen, olympischen Feuer für die Sache anzustecken. „Ziel ist immer, zu gewinnen“, ist er überzeugt. Denn Essert weiß, für Leistung und Ausdauer stehen in seinem Unternehmen nicht nur die Software und die Roboter, die sie entwickeln, sondern auch die Mitarbeiter. Sein junges Team will die digitale Zukunft der Industrie 4.0 aktiv mitgestalten. Es geht aber nicht ohne ständigen Ansporn, ohne unablässige Motivation. Daher stellt sich der heute 30-jährige Gründer und Unternehmer alle zwei Wochen für ein Standup-Meeting auf das Treppenpodest der Eingangshalle und spricht vor versammelter Mannschaft. „Wollt ihr aufsteigen oder absteigen?“, fragt er sie in seinem badisch gefärbten Dialekt. „Lasst es uns gemeinsam versuchen, lasst uns Olympia gewinnen!“, spornt er seine Leute mit seiner entwaffnend ehrlichen Art an und klärt sie über alle unternehmerischen Entscheidungen auf: Warum hat er die letzten zwei Jahre 50 neue Mitarbeiter eingestellt? Warum muss er jetzt in den asiatischen und US-amerikanischen Markt vorstoßen? Wozu schon wieder eine neue Technologie entwickeln? Und warum hat er einen neuen Investor ins Boot geholt?

Transparenz und Respekt für ein harmonisches und effektives Arbeiten der Zukunft

Esserts Firma in Ubstadt-Weiher bei Bruchsal ist im Bereich der Softwareentwicklung im Umfeld Industrie 4.0 sowie der kollaborativen Robotik tätig. Sie entwickelt praxisnahe industrielle Augmented Reality Applikationen und Produkte. Mit einer Service-App und einer Datenbrille beispielsweise kann ein Monteur sich bei Wartungsarbeiten überall auf der Welt von einem Experten beraten und unterstützen lassen. Ein Markt mit enormem Wachstumschancen, die Essert und seine Belegschaft mit ständig neuen Anfragen aus der Industrie 4.0 konfrontiert. Ein Projekt jagt das andere. Da ist es wichtig, dass intern alles reibungslos läuft.

Firmenlogo der Essert GmbH in Ubstadt-Weiher

„Man muss die Menschen abholen und ihnen alle unternehmerischen Entscheidungen haarklein erklären, um jeglichen Buschfunk zu vermeiden“, weiß Essert, der jedes Quartal einen CEO-Rundbrief herumschickt und sich mit Mitarbeitern auch mal an den Tisch setzt, wenn es untereinander kriselt. Denn neben der größtmöglichen Transparenz im Unternehmen ist für Essert auch der wertschätzende Respekt untereinander sehr wichtig. Alle sprechen sich mit einem respektvollen „Du“ an. Seine Mitarbeiter wollen keine Einzelkämpfer sein, die alleine in einem Büro vor sich hinarbeiten, sondern gemeinsam im Team nach innovativen Lösungen suchen. So trifft man in der Produktionshalle ein Team aus Elektrikern, Software-Entwicklern, Mechanikern, Monteuren und Kameraspezialisten an, die gemeinsam an einer neuen Softwarelösung für die Mensch-Roboter-Kollaborationszellen tüfteln. Konzentriert beratschlagen sie, wie der Roboter die vor ihnen liegenden Playmobilfiguren zusammenstecken soll. Denn Playmobil ist mittlerweile einer ihrer größten Kunden und Essert ist stolz darauf, dass es einer seiner Werkstudenten war, der den Spielzeughersteller auf einer Messe von Esserts Lösungen überzeugen konnte.

Die Geschichte zeigt für ihn, was seine Firma ausmacht. Es ist kein Regieren von oben nach unten, sondern alle Mitarbeiter haben die gleiche Wichtigkeit, vom Praktikanten bis zum Geschäftsführer. Jeder ist ein Puzzelteil in seinem Unternehmen, der von Beginn an Verantwortung bekommt und einen wichtigen Beitrag zum Gelingen beisteuert. Essert zeigt auf einen Projektstrukturplan, der an einem Roboter gepinnt ist und die Form eines kreisrunden Kuchens hat. Er steht symbolisch für die Unternehmenskultur, die Essert pflegt: Der Kreis ist in gleich große Kuchenstücke aufgeteilt, die für einen Mitarbeiter und seinen verantwortlichen Fachbereich steht. Jedes gleichwertige Kuchenstück steht in Abhängigkeit zum anderen, damit das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden kann. Und im Mittelpunkt dieses Kreises sieht sich Essert als zentrale Kraft und Energie, der alle Teile im Gleichgewicht hält. „Alles ist im Fluss“, sagt der adrett gekleidete Firmenchef mit einem strahlenden Lächeln.

Mehr Freizeit, flexible Arbeitszeiten und Verantwortung

Doch es ist unglaublich schwer, gut zu führen, gibt Essert zu. Work-Life-Balance ist für die Mitarbeiter ein großes Thema, was ihn als Arbeitgeber vor Herausforderungen stellt. Der Altersdurchschnitt seines Teams liegt bei exakt 30 Jahren, sie möchten Homeoffice, Elternzeit, flexible Arbeitszeiten. Sie wollen mehr Zeit für Freizeit, Freunde und Familie, sie wollen selbst bestimmen und sich selbst verwirklichen. Von Führungskräften erwarten sie schnelles und direktes Feedback und Anerkennung für ihre Leistung. Die Liste der Forderungen ist lang und erscheint teilweise unrealistisch, doch um qualifizierte Fachkräfte aufs Land nach Ubstadt-Weiher zu locken und sie auch langfristig zu halten, muss Essert der jungen Generation entgegenkommen. Jeder der will, bekommt einen Dienstwagen. Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Essen und Trinken ist kostenlos, die Management-Ebene ist am Unternehmen beteiligt und besucht regelmäßig Führungskräfteseminare. Die Mitarbeiter bekommen sofort Verantwortung und können innerhalb kurzer Zeit aufsteigen. Wie der 34-jährige Christian Morgenthaler, der vor drei Jahren als Softwareentwickler bei Essert begann und heute Technischer Leiter ist. „Das wäre in einem großen Konzern nie möglich gewesen“, weiß Morgenthaler zu schätzen. Auch der 30-jährige Marcel Kiwus ist sofort von einem großen mittelständischen Arbeitgeber zu Essert gewechselt. „Dort war ich nur ein kleines Zahnrad, hier kann ich mich selbstverwirklichen“, sagt der heutige Teamleiter mit Führungsverantwortung, der von Esserts Visionen sofort begeistert war und ihm seit der Geburtsstunde der Firma zur Seite steht.

Flache Hierarchien und Spaß an der Arbeit

Bei Arbeitgeberbewertungen schneidet Essert gut ab. Das Büro für Meetings ist geschmückt mit einem Aufsteller vom Bewertungsportal kununu.

Essert lockt mit spannenden digitalen Themen von Augmented Reality bis Mensch-Roboter-Kollaboration, und den Vorteilen eines kleinen, agilen Unternehmens mit flachen Hierarchien. Der Wunsch nach Elternzeit jedoch stellt Essert immer wieder vor Probleme, denn anders als in einem großen Unternehmen, gibt es für jeden Posten nur eine Person. Den Wunsch nach Homeoffice sieht er kritisch, weil seine Leute nicht greifbar sind, wenn er sie braucht. „Es ist ein ständiges Abwägen, wieviel Freiraum ich gewähre“, sagt er und denkt an seine Zeit als auszubildender Mechatroniker bei der Heidelberger Druck Maschinen AG mit ihren klassischen Hierarchien und patriarchalem Führungsstil zurück. „Die Rollen waren klar verteilt, was der Chef gesagt hat, musste man machen. Punkt.“ Diesen Führungsstil kann sich Essert in seinem Unternehmen nicht leisten, das will er aber auch gar nicht. „Das war einer der Gründe, wieso ich ein eigenes Unternehmen gründen wollte, weil ich alles anders machen wollte“, erklärt er. Er will nicht den Chef spielen, sondern Vorbild und Coach sein. Er will, dass die Mitarbeiter Spaß an der Arbeit haben und sie für das rasante Wachstum der Firma begeistern. „Von Startups könnten Mittelständler viel lernen“, findet er. Mittlerweile arbeitet auch er jeden Freitag von zuhause aus.

Mehr ältere Mitarbeiter

Doch Essert denkt offen über eine bessere Altersdurchmischung seiner Belegschaft nach. Junge Fachkräfte sind für die Dynamik seines Unternehmens wichtig, sie bringen frischen Wind und gute Ideen mit. Aber sie haben auch hohe Ansprüche, die manchmal schwer umzusetzen sind. „Ältere Mitarbeiter wissen oft mehr zu schätzen, was sie hier haben“, sagt Essert, der erst kürzlich eine 60-jährige Fachkraft eingestellt hat. „Die Jungen wollen immer mehr und dafür weniger arbeiten“, sagt er kritisch. Die Älteren wiederum hätten manchmal Schwierigkeiten mit einem Vorgesetzten, der viel jünger sei als sie.
Essert gewährt seinen Mitarbeitern mehr Freizeit, doch wenn es brennt, müssen sie zur Stelle sein. Und sie müssen mit der Schnelligkeit der sich ständig wechselnden Projekte mithalten können. „Stagnation macht mich wahnsinnig“, sagt er und denkt während seines unternehmerischen Marathons schon an den nächsten Sprint, mit dem er die bevorstehenden großen Herausforderungen der Zukunft meistern will.

 


Christopher Essert

Nach seiner Ausbildung zum Mechatroniker bei Heidelberger Druckmaschinen gründete Christopher Essert 2009 mit 21 Jahren die Essert GmbH, die im Bereich der industriellen Automatisierung mit dem Schwerpunkt auf kollaborativen Robotiklösungen tätig ist. 2012 wurde das Geschäftsfeld „Augmented Automation“ gegründet, in welchem praxisnahe industrielle Augmented Reality Applikationen und Produkte entwickelt werden, wie z.B. der Datenbrille. Ausgestattet mit der Service-App können damit die reale und virtuelle Welt miteinander verknüpft werden, indem beispielsweise ein mit Datenbrille ausgestatteter Monteur bei Wartungsarbeiten an einer Maschine sich überall auf der Welt virtuell von einem Experten unterstützen lassen kann. Die Essert GmbH entwickelt Lösungen für die Industrie 4.0 und will dem Mittelstand bei der digitalen Transformation helfen. Die Zahl der Mitarbeiter ist seit 2013 von 10 Mitarbeiter auf aktuell 80 gestiegen. 2017 entschloss Essert sich zu einem Teilverkauf der Unternehmung an einen Investor (MAX Automation AG) für eine weitere Internationalisierung sowie nachhaltige Weiterentwicklung der Produkte. Mit 80 Mitarbeitern und 10 Millionen Umsatz hat die Essert GmbH in den letzten vier Jahren jeweils Wachstumsraten von mehr als hundert Prozent (Mitarbeiter und Umsatz) erzielt.